Eingangsbild work in progress angepasst

Jugendraumschaffung 2010

von Gotthard Fellerer in BravDa 2011/1/2

Manchmal ist es ein Glück, wenn Gemeinden Geld fehlt und sie zur kreativen Improvisation gezwungen werden. So geschehen in der Gemeinde Traisen/NÖ. Das Vis a Vis des Rathauses, ein Haus errichtet Ende des 19. Jahrhunderts, wurde zum Abbruch freigegeben, die Bewohner wurden in komfortablere Wohnungen abgesiedelt, das schöne gusseiserne Stiegengeländer aufgehoben, einige Schnitzereien und Stuckarbeiten fachgerecht gesichert. Das Haus wäre der neu geplanten Zufahrt zum Rathausplatz im Weg gestanden. Aufgrund der Schlankheit und der Löcher des Gemeindesäckels war es jedoch nicht möglich, die notwendigen Summen für die Realisation des Vorhabens aufzubringen – und die Banker? Die zocken blauäugig lieber weiter und hoffen durch todsichere, angeblich risikoarme Spekulationen auf satte Gewinne. Doch wenn deren Augen größer und die sicheren Investitionen auf den Bahamas in schwarzen Löchern versenkt werden, dann ist es Brauch, dass das Loch schöngeredet wird oder die Verantwortlichen mit satten Abfindungen in den Luxus eines gut gepolsterten Nirwanas entlassen werden. Die roten Zahlen heißen dann Berufsrisiko, auch wenn es Geld der vertrauensvollen Anleger war. Der Steuerzahler wird dann aufgrund einer „allgemeinen Krise des internationalen Finanzmarktes“ (da heißt so!) zur Kasse gebeten und … jeder wird veranlasst oder durch die staatlichen Säckelwarte gezwungen, seinen Obolus zu leisten, damit es den armen Banken und dem Staat wieder gut geht. Die Kassen werden von Staatswegen durch nachgedruckte Scheine gefüllt, die Inflation angeheizt und die Marktbereinigung durchgeführt – man nennt dies dann soziale Harmonisierung, damit alle gleich viel haben – nur diejenigen nicht, die an der Macht sind: Sie tragen ja die Verantwortung und sind im Großen und Ganzen privilegiert – und überhaupt ist doch jeder Mensch in der Zwischenzeit gläsern geworden. Doch wehleidig sind nur jene Schicki-Micki-Typen, die es verstehen und verstanden, durch Zähneblecken und Föhnwelle die treuherzig aufblickenden Anleger durch Hochglanzprospekte über den Tisch zu ziehen. Der Mittelstand wird ausgedünnt und die politischen Folgen sind den Machthabern wurscht, da deren Pension sowieso nach dem Inflationsmarker gedeckelt wird. Zugleich werden Überlegungen kolportiert, dass man auf einem nach den Regeln der Demokratie organisierten Heer ein (Frei-)Willigenheer macht, das nur schwer kontrollierbar ist, um letztlich die bestehenden Verhältnisse, so vorteilhaft, versumpft und vernetzt sie auch sein mögen, zu konsolidieren.
Wo ist nun das erwähnte Glück zu finden?
Im Brunnen, indem sich der Mühlstein des Hans im Glück befindet, der naiv einen Sack Gold gegen einen Gaul, den Gaul gegen ein Schwein, dieses gegen eine Gans, und diese gegen einen Mühlstein tauschte, den er aufgrund der Schwere im Brunnen versenkte und froh war, so erleichtert zu sein. Das Glück liegt in der Herausforderung des Innovativen.
So beschloss der initiative Bürgermeister der Gemeinde Traisen, Herbert Thumpser, das leer stehende Haus einer Initiative zu überantworten, die von Marianne Plaimer getragen, vom NÖ Kulturforum und dessen Präsident Ewald Sacher finanziell und von der Mobilen Jugendarbeit Traisen „Südrand“ personell unterstützt wurde.
Initiator war der in Eschenau lebende und arbeitende bildende Künstler Walter Neumaier (1955 in Lilienfeld geboren, gelernter Schlosser). Zum Symposion eingeladene Künstler: Oswald Stimm und Martin Schrampf (Österreich), G. B. Ambrosini (Italien) und Paul Wiedmer (Schweiz).
Für Marianne Plaimer war dies nicht das erste Projekt, das sie im Bezirk Lilienfeld realisierte, zudem sie schon früh mit der Initiative befasst war, die den Raum kulturell nutzen wollte.
Ihr Vater Rudolf Plaimer (1931-2004), engagierten Lehrer, Fotograf und Volksbildner, begleitete das Bildhauersymposion St. Veit a. d. Gölsen, das Projekt „Kunst am Radweg“, dokumentarisch, das auch schon damals von NÖ Kulturforum unterstützt wurde. Alle zwei Jahre sollte da Projekt „Kunst am Radweg“ stattfinden. Doch die Kontinuität war nicht gegeben und auch die dauerhafte Aufstellung der Skulpturen ist nicht gelungen, obwohl es die Intention war, dass durch die Begegnung mit Kunst, der Anteilnahme am schöpferischen Prozess mehr Verständnis für die zeitgenössische Kunst zu erwarten wäre. Auch sollten die Schulen der Umgebung in das Projekt eingebunden werden, um schon an der Basis das Kunstverständnis zu stärken.
Ehe der Vater 2004 verstarb, übernahm Marianne Plaimer das ideologische Erbe ihres Vaters. Ihre Diplomarbeit an der Akademie der bildenden Künste untersuchte die kulturelle Befindlichkeit des Bezirks Lilienfeld, dessen Bezug zur Kunst der Gegenwart anhand der Initiative „Kunst am Radweg“ und kam zu dem Schluss, dass etwas getan werden müsse.
Sie verließ sich nicht auf die allgemeine Formel, dass „man“ etwas tun müsse, sondern ergriff die Initiative und realisierte gemeinsam mit dem NÖ Kulturforum, in Zusammenarbeit mit der Fa. Neuman Aluminium den „Aktionsraum Lilienfeld“. Unter ihrer fachkundigen und einfühlsamen Leitung realisierte sie diesen „Aktionsraum“, der eindrucksvoll bewies, wie flexibel Künstler sein können, die aus Gefundenem, Zusammengetragenem, vielleicht sogar Abfall, eindrucksvolle Werke schaffen.
 „Arte povera“, „arme Kunst“ heißt dies dann im Fachjargon, und Oswald Stimm und Walter Neumaier, die schon beim Symposion „Kunst am Radweg“ dabei waren, werkten gemeinsam mit Herbert Kraus, J. F. Sochurek, der Initiatorin Marianne Plaimer und präsentierten Arbeiten im ungewöhnlichen Rahmen einer Scheune und des Umfeldes.
Alltägliche Materialien, größtenteils mit Gebrauchsspuren, Weggeschmissenes, Unbrauchbares, Erde, Glassplitter, Nägel, Holz, Bindefäden, Aluminiumabfall, wurden zu räumlichen Installationen zusammengefügt und die Spiellaune des Innovativen kannte keine Grenzen. Die Grenze zwischen Kunst, Leben, Gelebtem und dem Erlebten wurde verwischt. Dabei wurde die Patina des gebraucht Gegenständlichen weder traditionell überhöht noch musealisiert, sondern bekam als ästhetisch Gewordenes eine neue Qualität – Kunst.
2006 realisierte sie in Zusammenarbeit mit der Mobilen Jugendarbeit Traisen „Südrand“ und durch den finanziellen Einsatz des NÖ Kulturforums im damals aufgelassenen Kindergarten Traisen das Integrationsprojekt „Spielzimmer“ und schuf gemeinsam mit Oswald Stimm und Walter Neumaier einen interkulturellen Kunstplatz, an dem Jugendliche aus Traisen aller Nationen über ästhetische Gestaltungen Gemeinsamkeiten entdeckten. Auch konnten sie während ihres Werkens die Künstler bei der Arbeit beobachten und sie zu ihrem Tun befragen.

Ihre Anliegen gliederte sie in folgende Punkte:

  1. Das Projekt sollte als „offener Handlungsraum“ (offene Werkstatt) funktionieren, der / in dem gemeinsam gestaltet wird.
  2. Eine große, gemeinsame Sache soll hier entstehen. Dabei bringt sich jeder mit seinen Ideen, Anliegen und besonderen Fähigkeiten ein.
  3. Der Werkstattraum soll für jene Menschen offen sein, die sich für dieses Projekt interessieren, mit den Mitwirkenden ins Gespräch kommen oder das Kunstprojekt selbst mitgestalten wollen.

Das endgültige Konzept stand in Auseinandersetzung mit jener Örtlichkeit, in der künstlerisch gearbeitet wurde, dessen gesellschaftliche Strukturen und in der Zusammenarbeit mit allen am Projekt Beteiligten.

2010 schließlich wurde da Projekt „Jugendraumschaffung“ mithilfe der Gemeinde Traisen, dem NÖ Kulturforum und dem Team der Mobilen Jugendarbeit Traisen „Südrand“ in dem bereits angesprochenen Haus Wirklichkeit und aus der Jugendraumschaffung wurde unter ihrer Anleitung ein Treffpunkt der Jugend, die den Künstlern Walter Neumaier und Günter Blumauer, der 1960 in Traisen geboren wurde und auch hier lebt, über die Schultern schauen und deren ästhetisches Wollen hinterfragen kann, denn erst durch die Nähe, durch das Aufgreifen der persönlichen Geschichten ergibt sich die Möglichkeit zum Erkennen und Erfahren. Dies gemäß der Vorgabe, dass der Künstler vor Ort der beste Botschafter von Kunst sei!
Durch das Tun der Künstler entsteht ein Refugium, das für Äußerungen offen ist, ohne belehrend zu sein. Fragen, Reden, Selbermachen sind die Impulse, welche die Begegnung mit Kunst erleichtern und als lustvolles Erlebnis nachvollziehbar machen.

Marianne Plaimer, Ideengeberin und Organisatorin, die in Traisen aufwuchs, traf also mit zwei weiteren Künstlern der Region zusammen: Walter Neumaier und Günter Blumauer und entwickelten aus der Situation ein situationistisches Konzept, das bei der Kulturbeauftragten Heidi Edelmaier und dem Bürgermeister  Herbert Thumpser sofort auf Interesse und echte Unterstützung stieß. Das bereits apostrophierte einhundert Jahre alte, zum Abbruch vorgesehene Haus inmitten des Zentrums wurde als Werkstatt adaptiert, von der Gemeinde notdürftig mit Infrastruktur versehen und ein wahrhaft buntes Leben zog wieder ein.
 Ein konkretes Konzept zur künstlerischen Arbeit gab es zunächst nicht. Ausgenommen der Vorgabe, dass die künstlerischen Arbeiten aus dem hier Vorgefundenem entstehen sollen – Arte Povera pur in Traisen! Installationen entstanden, die durchaus auch in der Kunsthalle Krems oder im MUMOK stehen könnten. Nur dass die Künstler nicht Beuys und Warhol, sondern Neumaier und Blumauer heißen, nur die Akademie des Lebens besucht haben und dennoch beeindruckendes Schaffen gemäß der Vorgabe von Walter Neumaier, dass es nicht das Seine sei, die Natur des Menschen verbessern zu wollen. Lust, Sinnlichkeit, Begeisterung, Anteilnahme, Bewegung und Geborgenheit sind immerwährende Bedürfnisse des Menschen. Dies sind seine Konzepte, die er mit Gefundenem und dem dazu Gefundenem realisiert.
Eingebunden sind dabei jene Jugendliche, die gerne und freiwillig dabei sein wollen. So ließen sie auch „ihren Raum“ entstehen – zeigten, was sie können, fanden heraus, was ihnen Spaß macht, identifizieren sich mit dem selbst Erarbeiteten.

Daraus erwuchs ein gemeinsames Konzept für ein Funktionieren des Jugendraums – Jugend(t)raums?

Ein großes Anliegen des Projekts ist auch die Miteinbeziehung der Traisener Bevölkerung. Denn Interessierte können jederzeit die offene Werkstätte besuchen, das Gespräch mit Künstlern und den Jugendlichen suchen und selbst kreativ tätig werden – teilhaben und Teil sein!

 

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